Demut und Bescheidenheit. Zwei Begriffe, die ich als Junge gelernt habe. Altmodische Konzepte, wie es scheint, die in unserer Gesellschaft weniger Platz finden und wenig Erfolg versprechen. Und Erfolg? Ist eines der höchsten Güter. Das ultimative Ziel. Doch warum ist das so? Und ist es wirklich so?
Folgende kurze Gedankenanstöße möchte ich vorformulieren und Dich bitten, sie kurz auf Dich wirken zu lassen. Kann das Sinn machen? Also – folgende Anstöße: Demut und Bescheidenheit geben uns selbst die Macht über unsere Welt. Erfolg hingegen gibt die Macht an das Außen ab.
Aber warum ist das so? Wenn ich erfolgreich bin, generiere ich doch automatisch Macht: bessere Positionen, mehr Geld, mehr Möglichkeiten. Während Demut und Bescheidenheit in vielen Fällen dazu führen, dass man seine eigene gute Position abgibt oder verliert. Dass man unter all den Ellbogen zurückbleibt. Wie könnte das Macht bedeuten?
Macht ist hier in zwei Varianten zu unterscheiden: die Macht über sich selbst und die Macht über andere. Welche Form der Macht ist erstrebenswert? Das sollte offensichtlich sein – und dennoch offenbart die Antwort oft mehr über unsere Grundannahmen, als uns lieb ist. Nur die Macht über uns selbst kann erstrebenswert sein. Nur sie macht uns frei und führt uns in gesunde Beziehungen. Die Macht über andere dagegen ist ein fehlerhaftes Konstrukt in sich selbst. Sie wird stets zum Scheitern verurteilt sein. (Der Hinweis sei gestattet, dass es dabei nicht um gesellschaftlich notwendige Hierarchien geht. Soziale Strukturen brauchen Ordnung. Machtausübung darin ist ein Instrument – nicht ihr Kern.)
Wozu führt nun also das Ausrufen von Erfolg als oberstes Ziel? Wir werden abhängig von seiner Deutung. Wenn ich etwas als Erfolg betrachte, während jeder andere Mensch in meinem Umfeld keinen Erfolg darin sieht – bin ich dann erfolgreich? Sobald wir ein Ziel erreichen, ruft der Erfolg bereits das nächste aus, und danach das nächste. Wir werden Getriebene, weil er keine Ruhe kennt. Er ist hungrig und verlangt nach immer mehr. Das führt zu latenter Unzufriedenheit: dem Gefühl, nicht dort zu sein, wo wir „sein sollten“. Unser Umfeld, unsere Leistungen, unser Leben erscheinen plötzlich unzureichend. Früher oder später läuft es genau darauf hinaus. Erfolg, falsch verstanden, macht uns abhängig und verringert unsere Lebensqualität.
Wie ist es nun mit diesen altmodisch und oft negativ konnotierten Begriffen wie Bescheidenheit und Demut? Sie befreien uns genau von dieser Abhängigkeit. Sie befähigen uns zu Geduld, Empathie, Balance und Ruhe. Sie schenken uns Zufriedenheit in unperfekten Umständen und erinnern uns an unsere eigene Kraft, Energie und Verantwortung. Ein echtes Empowerment. Wie kommt es also dazu, dass sie oft belächelt oder als Schwäche betrachtet werden?
Unsere Gesellschaft baut auf kapitalistischen Grundsätzen. Ihr Wesen ist es, etwas zu verkaufen – Produkte, Ideen, Versprechen. Vor allem die Idee von Erfolg: höher, weiter, besser. Doch alles im Universum hat Grenzen. Alles strebt nach Balance. Eine rein erfolgsorientierte Leistungsgesellschaft verliert oft genau diese Balance. Je schneller und exzessiver der Erfolgsdruck wächst, desto häufiger zeigen sich psychische und physische Konsequenzen bei ihren Mitgliedern. Werbung, soziale Mechanismen und Teilnahmebedingungen verstärken dieses System. Es liegt nicht im Interesse dieser Strukturen, dass Menschen bescheiden oder demütig sind – es sei denn, es lässt sich gewinnbringend verwerten.
Es hat daher fast etwas Widerständiges, sich in Demut und Bescheidenheit zu üben.
Wie so oft bewegen wir uns nicht in absoluten Räumen, sondern in relativen. Es gibt kein Schwarz und Weiß. Vieles ist grau. In unserem Streben nach guten Wegen geht es immer um die Richtung, in die wir blicken. Demütig und bescheiden zu sein bedeutet nicht, sich der Gesellschaft zu entziehen oder sich gegen Erfolg zu stellen. Es bedeutet auch nicht, keine Teilhabe zu haben. Es ist vielmehr ein Schlüssel, der uns die Macht über unsere eigene Deutungshoheit gibt. Er eröffnet uns eine Vielzahl an Perspektiven und schenkt uns die Kraft der eigenen Entscheidung. Gleichzeitig formt er uns zu empathischeren, sozialeren Wesen.
Und nun? Wirkt es doch gar nicht mehr so altmodisch. Kein Wundermittel, kein Geheimnis – einfach eine klare, menschliche Haltung: Die Perspektiven, die wir einnehmen und verändern können, sind es, die uns die Macht über unsere Existenz zurückgeben oder uns diese gar nicht erst verlieren lassen.
Euer
Bassing Ben

