Erzählt mir jemand von Sprachen, die er oder sie lernt, ist meine Reaktion stets ein Glückwunsch – und der Hinweis darauf, dass es aus meiner Sicht kaum etwas Lernenswerteres gibt. Sprache ermöglicht Kommunikation. Sprache offenbart Kultur. Wer seine Begeisterung für eine ferne Region mit dem Erlernen ihrer Sprache erfüllt, kommt diesem Ort sehr viel näher und kann seine kulturelle Essenz deutlicher wahrnehmen. Darüber hinaus befähigt es, im Falle eines tatsächlichen Besuches, direkter mit der Umgebung zu interagieren. Gleichzeitig erweitert es den Geist und fördert unser Gehirn. Sprache ist also etwas Außergewöhnliches, Fundamentales in unserem Leben.
Dieses „Kommunikation ermöglichen“ und „Kultur offenbaren“ beschränkt sich jedoch nicht nur auf fremde Sprachen – es gilt ebenso für den Umgang mit der eigenen Muttersprache. Zu lesen, zu lernen, zu kommunizieren erweitert unser Verständnis und unseren Geist. Sprache ist eine Expression, ebenso wie sie eine Impression ist. Diese Vielseitigkeit und die ihr innewohnende Schönheit machen das geschriebene Wort zu einer der bemerkenswertesten Errungenschaften des Menschen. Es eröffnet uns eine weitere Ebene der Berührung, des Wagnisses und des Traumes.
Im mittlerweile leicht fortgeschrittenen Alter ist es mein Bestreben, meine gesellschaftlich-beruflichen Limitierungen zu durchbrechen und meiner eigenen Profession Raum zu schenken. Die Schwierigkeiten eines jungen Denkers sind seine Weiten – obgleich genau diese Weiten es sind, die ihn überhaupt erst zum Denker machen. Alles ist interessant, alles muss evaluiert und betrachtet werden, während das Außen oft eine Entscheidung für einen einzigen Pfad verlangt. Man könnte meinen, dass es ein Vorteil sei, so viel Interesse zu besitzen, das so viele Wege eröffnet. Ganz so klar ist das jedoch nicht.
Das Leben besteht immer aus Balance. Yin und Yang. Zwei Seiten einer Medaille. Was auf der einen Seite ein Vorteil ist, wird zwangsläufig auf der anderen zu einem Nachteil. Der Nachteil unseres vielinteressierten Denkers ist es, dass ihn die Beschränkung auf nur ein Thema nicht erfüllen wird. Sein Geist wird wandern. In einer Gesellschaft, die von ihm verlangt, sich zu spezialisieren, wird er nicht anders können, als rastlos zu sein.
Wie ist es nun mit unserem Denker? Ist es gut, ein Denker zu sein? Ist es schlecht? Brauchen wir Denker?
Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass es oft die Fragen sind, die wichtiger sind als ihre Antworten. Wie kann das sein, wirst du vielleicht fragen – und es ist schwer zu beantworten, weil es ein tiefes, metaphysisches Verständnis berührt.
Es gibt Dinge in unserem Innen und es gibt Dinge im Außen. Die Welt verläuft stets in Ebenen. Man könnte – wenn man wollte – es so visualisieren, als existierten zu jedem Zeitpunkt viele Welten zugleich, und wir Menschen sind stets nur auf eine dieser Welten beschränkt. Das Wissen darum, nicht auf allen Ebenen gleichzeitig existieren zu können, ist keine Erkenntnis der eigenen Beschränkung, sondern eröffnet ein Verständnis für unser Wesen und das Wesen des Menschseins.
Ist es also gut, ein Denker zu sein? Es ist nicht wichtig, ob es gut oder schlecht ist. Die Antwort ist schlicht situativ. Bei einem Motorschaden wird ein „Denker“ vermutlich weniger hilfreich sein als ein „Mechaniker“. Doch bewegen wir uns immer in einem relativen Raum, der keine absoluten Wahrheiten kennt. Menschen leben im Grau. Sie sind Mischwesen – so individuell, wie sie gleich sind. Es gibt kein Kastensystem, und wir sind nicht auf Klischees und deren Erfüllung beschränkt. Wir bewegen uns lediglich in einem Gedankenraum.
Der „Denker“ kann durchaus das Wissen zur Reparatur des Motors besitzen. Ebenso kann der „Mechaniker“ in der Lage sein, eine Perspektive einzunehmen, die niemand zuvor hatte. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Text von einem „Denker“ geschrieben wurde, deutlich höher.
Nun, Kommunikation in Schrift. Schriftstellerei.
Mehr als eine Leidenschaft. Mehr als ein Hobby. Eine Sprache. Und damit verbindet sich alles auf dieser Seite: Sie gewährt Ausdruck von Perspektive. Ich liebe diesen Gedankenraum – die ungreifbare Essenz des menschlichen Wesens, den stetigen Wandel, das Wogen der Gegensätze, die immer um einen gleichen Kern kreisen.
Dieser Faszination kann ich mich nicht entziehen. Ich komme ihr nah und entferne mich wieder, in diesem gleichen, stetigen Wogen. Und es liegt eine gewisse Melancholie darin, gleicht es doch dem zum Scheitern verurteilten Versuch eines unscheinbaren Wesens, das Gewicht der Welt abwägen zu wollen. Dennoch ist der Versuch, so irrsinnig er auch sein mag, wertvoll – weil er eine eigene Welt für sich ist.
Wer diese, nicht ganz eingängigen, Zeilen bis zu diesem Punkt verfolgt hat, dem möchte ich zum Schluss danken. Ich würde mich freuen, Inspiration teilen zu können: Leidenschaft und Liebe für ein vielschichtiges Handwerk und spannende Themen.
Gerne auch in gemeinsamen Projekten.
euer
Bassing Ben

