Kapitel 1 – Der Tag, an dem Einer erwachte

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge zieh’n.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.“

Rainer Maria Rilke

Ich bin ein großer Rainer-Maria-Rilke-Fan. Ich liebe den Zauber seiner Bilder, den Klang seiner Romantik, seine tiefe Melancholie. Mein Name ist Einer. Vor kurzem habe ich meinen 33. Geburtstag vollendet. Gefeiert habe ich allein.

Meine Freundin hat mich vor zwei Jahren verlassen. „Meine Freundin“ – nach zwei Jahren nenne ich sie noch immer so. Ihr Name ist Sophie. Attraktiv, gebildet, erfolgreich, mit einem klaren Ziel vor Augen. Bereitwillig opferte sie mich ihrer Karriere. Ihren Vorstellungen.

Meine Geschwister, Melanie und Thore, konnten ebenfalls nicht bei mir sein.
Melanie ist mit ihrem Mann und ihren Söhnen irgendwo in der Bretagne unterwegs. Wenn ich mich nicht irre. Thore macht eine Reise zur Selbstverwirklichung in Tibet. Oder irgendwo dort in der Nähe. Auf jeden Fall Richtung Osten.

Meine Eltern begrüßen es, die Gratulation am Telefon kurz zu halten. Sie sind der Meinung, wenn ich wirklich Interesse an ihrer Gesellschaft hätte, würde ich zu ihnen fahren.

Mein bester Freund arbeitet seit einiger Zeit im Ausland und hat wenig Zeit.
Mein anderer Freund, Jannik, war mit seiner Frau zu einer Hochzeit eingeladen.

Drei, vier Nachrichten. Viele Likes. Sehr wenige Anrufe.
Das war mein Geburtstag.

Unweigerlich denkt man darüber nach.

Viele Dinge in meinem Leben sind völlig normal verlaufen. Glück hatte ich selten, ja. Vieles habe ich für Überzeugungen geopfert – die sich manchmal aus falschem Stolz, Angst vor Konfrontation oder mangelnder Integrationsfähigkeit speisten, deren Grundlage aber dennoch Tugenden waren.

Meine Kindheit war schwierig. Schwierig genug, um lebenslange Probleme zu hinterlassen.
Ich möchte das nicht dramatisieren, aber unerwähnt darf es auch nicht bleiben.

Es war Juli, mein Geburtstag, und ich saß dort – allein.
Mein Mobiltelefon piepte. Eine Nachricht erschien:
„Lieber Einer! Wir wünschen Dir alles Gute zum Geburtstag, Glück und Gesundheit! Lass es Dir gut gehen 🙂 LG aus Fallingen.“

Ich drückte mit einem flüchtigen Lächeln auf den Antwortknopf, gab nacheinander die Buchstaben d, a, n, k, e ein und bestätigte das Absenden-Symbol.

Ich legte das Telefon zurück auf den Tisch. Dort blieb es für weitere Stunden liegen, während ich aus dem Fenster sah und mir die Frage stellte …

Welche Frage stellt man sich in so einem Moment eigentlich?

Wie ist aus einem begabten und wirklich beliebten Jungen ein ganz anderer Mensch geworden?
Warten wir? Warten Sie? Worauf warten wir?
Auf plötzliche Eingebungen? Zufällige Begegnungen? Alles erklärende Erleuchtungen?

Wieviel im Ablauf unserer Leben ist tatsächlich zufällig?
Wieviel davon ist Schicksal?
Gibt es überhaupt Schicksal?

Ein 33-jähriger Mann, allein, ohne Frau und Kind, ohne Familie, ohne Freunde.
Wieviel Verantwortung muss bei diesem Mann liegen?
Oder von welchen Teilen könnte man ihn freisprechen?

Ist es nicht unmöglich zu behaupten, ein 33-Jähriger könne „nichts dafür“, wenn er so dasteht?

Es gab eine Zeit, in der wurde das Alleinsein geschätzt.
Aber heute, im Jahre 2025, in dem wir über Social Networks kommunizieren und selbst von der Toilette einen Tweet schicken, den am Ende doch keiner liest?

Ein Mensch geht unter in der Masse der vielen Menschen, deren Verhaltensweisen er sich bis zu einem gewissen Grad unterwerfen muss – um dann festzustellen, dass genau dieses Verhalten ihn entbehrlich macht. Die Masse zehrt von diesen Menschen, zehrt sie auf.

Die Fragen, die sich mir an meinem Geburtstag stellten, waren – und das ist paradox – weniger Fragen meiner Persönlichkeit als viel mehr Fragen, die ich gelernt hatte, mir zu stellen.
Ein Teil meines Herzens und meines Kopfes spürte diesen Umstand. Ich versuchte, mich den Einflüssen zu entziehen.

Es gelang mir nicht.

Mein Geist war ein Kriegsschauplatz.

Mir war klar, dass es für meinen Wert, meine Persönlichkeit, mein Glück, keine zwingend negative Bedeutung hatte, ob ich hier allein saß oder nicht.
Im Gegenteil.

Dennoch konnte ich nicht verhindern, mein Selbstwertgefühl daran zu bemessen.

Als junger Mann war ich überzeugt, lieber allein durch die Welt zu gehen und dabei meine Werte zu vertreten, als mich der Masse anzuschließen und das wohlige Gefühl der Gemeinschaft mit dem Preis der Selbstaufgabe zu bezahlen.

Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich.
Einsamkeit ist ein akzeptabler Preis für Moral, Ethik und Ehre. Jeder Preis ist akzeptabel.

Die Masse entfernt sich also von mir.
Verhaltensweisen erscheinen mir fremd.
Und diese Fremdheit etabliert sich in einer mir fremd werdenden Gesellschaft.

— Ende von Kapitel 1 —